Im Lokalteil Westerwälder Zeitung:

Heimkinder: Uns hat man gequält

Ehemalige Schutzbefohlene erheben schwere Vorwürfe gegen Dernbacher Schwestern - Oberin weist Anschuldigungen zurück

Geprügelt, gequält, erniedrigt und entwürdigt - und das alles im Namen Gottes? Diesen Vorwürfen sieht sich der Orden Arme Dienstmägde Jesu Christi (ADJC) in Dernbach ausgesetzt.

DERNBACH. Ungewöhnlicher Protest vor dem Mutterhaus der Kongregation Arme Dienstmägde Jesu Christi (ADJC, auch Dernbacher Schwestern genannt): Drei ehemalige Heimkinder des Kinderheimes St. Josef in Eschweiler, das bis Anfang der 90er-Jahre von den Dernbacher Schwestern geführt worden war, erhoben am Samstag erneut schwere Vorwürfe gegen den Orden. Hermine Schneider (50), die Wortführerin der Demonstranten, von 1956 bis 1970 in Eschweiler: "Wir wurden regelmäßig geschlagen, misshandelt, gequält. Ich selbst wurde auch sexuell missbraucht." Provinzoberin Schwester M. Salesiana Bach weist die Anschuldigungen entschieden zurück. Im Gespräch mit der WZ sagt sie: "Wogegen wir uns wehren, dass Misshandlungen an der Tagesordnung waren, dass Mitarbeiterinnen und Schwestern dies stündlich und täglich an den Kindern vorgenommen hätten. Es war kein systematischer Vorgang, nicht unsere Erziehungsmethode."

Was passierte bei der Demo in Dernbach? Für die Zeit von 11 bis 13 Uhr war die Demo genehmigt worden. Nur bis auf 30 Meter durften sich die Demonstranten dem Haupteingang des Mutterhauses nähern. Einige Schaulustige beobachteten die Aktion aus der Ferne. Zwei Polizeibeamte und drei Personen des Ordnungsamtes beobachteten die Demo, an der neben Hermine Schneider auch die Ex-Heimkinder Herbert Kersten (54, von 1960 bis 1967 in Eschweiler) und Willi Kappes (52) teilnahmen. Kappes war als Baby nach Eschweiler gekommen, mit drei Jahren wurde er in die Psychiatrie eingewiesen. Erst 2003, nach 45 Jahren, wurde er entlassen.

Wortgewaltig forderte Hermine Schneider über Mikrofon den Orden auf, Schwester Sitis Ganderath in einem Käfig vor die Tür zu bringen: "Sie war damals in Eschweiler und hat in der Gruppe St. Bernhardette die Mädchen misshandelt. Sie wird hier im Mutterhaus versteckt." Als Schneider verkündete, sie seien die "Überlebenden des letzten KZ in Eschweiler", schritt Erster Polizeihauptkommissar Reinhold Müller von der Polizeiinspektion Montabaur ein. Schneider entschuldigte sich öffentlich für diese Entgleisung und widerrief zwei Mal die Behauptung. Müller gegenüber der WZ: "Wir werden die Äußerung der Staatsanwaltschaft Koblenz vorlegen, um die strafrechtliche Relevanz prüfen zu lassen."

Als Hermine Schneider im Einzelnen auf die Vorwürfe gegen die Dernbacher Schwestern einging, stürmte die erboste Dernbacherin Monika Wayand heran und legte sich mit der Wortführerin der Ex-Heimkinder an. Gegenüber der WZ sagte die 62-Jährige danach: "Ich war selbst von 1945 bis 1975 hier im Kinderheim St. Marien. Wenn eine Schwester bis zu 30 Kinder betreut hat, dass da nicht alles hundertprozentig sein kann, ist doch klar. Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Es gab mal einen Klaps. Es ist streng erzogen worden, aber gerecht." Wenn sie nicht bei den Schwestern gewesen wäre, wäre sie nicht das, was sie heute sei, meinte die Dernbacherin: "Wer weiß, wo ich gelandet wäre." Von der Aktion habe sie erst am Freitag erfahren, sonst hätte sie eine Gegen-Demo veranstaltet.

Die gezeigten Teppichklopfer und Lederpeitsche, mit denen die Kinder angeblich geschlagen wurden, stammen nach Angaben von Hermine Schneider aus dem Nachlass einer Schwester aus Eschweiler: "Sie sind in einem Museum in Aachen zu besichtigen."

Was wirft Hermine Schneider dem Orden vor? Regelmäßige Misshandlungen durch Erzieherinnen und Schwestern im Kinderheim St. Josef Eschweiler an mehr als 60 damaligen Heimkindern. Sie selbst sei als Mädchen unter Drohungen gezwungen worden, Jungenkleider zu tragen. Auch in den Heimen in Dilborn bei Brüggen und in Aulhausen bei Rüdesheim, in denen die Dernbacher Schwestern auch tätig waren, sei es zu gewaltsamen Übergriffen gekommen. Schneider fordert eine finanzielle Wiedergutmachung nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG).

Was sagen andere Personen? Der Spiegelredakteur und Autor Peter Wensierski schildert in seinem Buch "Schläge im Namen des Herrn" unter anderem das Vergehen einer Schwester in Eschweiler: Ein Mädchen musste nachts bei strömenden Regen "ihr eigenes Grab schaufeln" - als Strafe. Der Journalist Markus Homes (Wiesbaden) hat eine Nonne des Ordens interviewt, die bekannte, Kinder im Namen Gottes auf das Schwerste misshandelt zu haben. Auszüge sind im Buch "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes" (Books on Demand GmbH, Norderstedt) nachzulesen.

Was sagt der Orden zu den Anschuldigungen? Schwester M. Salesiana Bach, die Provinzoberin: "Wir haben Schwestern, die zu dieser Zeit in den Heimen waren, befragt. Sie sagten uns, ,das stimmt nicht'." Auch in Dilborn sei nachgefragt worden, wo noch einige Schwestern leben, die damals tätig waren. Schwester Salesiana: "Uns wurde gesagt, so sei es nicht gewesen!"

Geschäftsführer Philipp Hery von der Gemeinschaft der ADJC: "Die Problematik ist die, dass diese Vorwürfe sehr spät zu den angeblichen Vorfällen erhoben wurden, um noch Zeitzeugen zu finden. Wir haben versucht, mit den Schwestern, die damals dort tätig waren, das zu klären. Aufgrund des Zeitablaufs leben natürlich einige Schwestern nicht mehr. Wir haben natürlich auch versucht, mit den damaligen Heimkindern diese Situation zu klären. Diese Vorwürfe konnten Gott sei dank nicht bestätigt werden." Die Überprüfungen hätten ergeben, dass die damaligen Erziehungsmethoden natürlich nicht mit den heutigen vergleichbar seien. "Dass es mal einen Klaps gab, kann nicht ausgeschlossen werden, war ja in der damaligen Zeit, unabhängig von den Einrichtungen, üblich." Misshandlungen oder Quälerei seien in keinster Weise bestätigt worden. "Hermine Schneider geht es um Genugtuung, primär aber nach meiner Einschätzung um Geld", sagt Hery. Kurt Frank

Kommentar: Ein dunkles Kapitel aufarbeiten

Kurt Frank zu den Vorwürfen

gegen die Dernbacher Schwestern

Mehr als 150 Jahre lang haben die Armen Dienstmägde Jesu Christi aus Dernbach weltweit Gutes getan. Das wird anerkannt. Was jetzt an die Öffentlichkeit kommt, betrifft ein dunkles Kapitel der jungen Bundesrepublik: Hunderttausende Kinder und Jugendliche lebten bis in die 70er-Jahre in Heimen unter kirchlicher Obhut. Dort soll es, glaubt man den Anschuldigungen, zu zahlreichen Misshandlungen gekommen sein. Auch im Kinderheim St. Josef in Eschweiler, das bis 1992 von den Dernbacher Schwestern geleitet wurde? Bisher ist der Orden gegen die Vorwürfe (auch im Internet) und zahlreichen TV- und Buchveröffentlichungen nicht gerichtlich vorgegangen. Die Betroffenen haben erst spät die Öffentlichkeit gesucht. War es Scham, Unkenntnis? Den Heimkindern geht es um Wiedergutmachung, natürlich auch um Geld. Aber es geht um mehr: Das Kapitel muss aufgearbeitet werden. Der Orden wäre gut beraten, offen und offensiv die letzten Zweifel, die noch bestehen, endgültig auszuräumen.

Im Detail: Arme Dienstmägde Jesu Christi

Die Armen Dienstmägde Jesu Christi (ADJC; auch: Dernbacher Schwestern genannt) sind eine katholische Ordensgemeinschaft, die 1851 durch Maria Katharina Kasper in Dernbach (Westerwald) im Bistum Limburg gegründet wurde. Die Haupttätigkeitsbereiche der Schwestern sind Krankenpflege, Kinderfürsorge, Erziehung und Bildung sowie pastorale Dienste. Das Mutterhaus, Kloster Maria Hilf, befindet sich in Dernbach. Die Gemeinschaft fand sehr bald die kirchliche Anerkennung und eine rasche Verbreitung. 1870, als die offizielle und endgültige Approbation durch den Papst eintraf, hatten sich schon mehr als 500 Schwestern der Gemeinschaft angeschlossen, und diese hatte sich über Deutschland hinaus auch in den USA, in England, Holland und Böhmen verbreitet. Die Zahl der Schwestern wuchs bis 1938 auf 4500 an, heute beträgt sie rund 680. Die Dernbacher Schwestern sind heute auch in Indien, Mexiko, Brasilien, Kenia und in Nigeria aktiv. In Deutschland ist der Orden an 29 Standorten vertreten. Als Mehrheitsgesellschafter der 1994 gegründeten Maria Hilf GmbH unterhält die Kongregation elf Altenheime und sieben Krankenhäuser sowie Einrichtungen in der Behinderten- und Jugendhilfe mit insgesamt etwa 4000 Beschäftigten. Die Ordensgründerin Katharina Kasper wurde am 16. April 1978 von Papst Paul Vl. seliggesprochen.

Im Mantelteil überregional:

Wurden Heimkinder jahrelang gequält?

Westerwälder Orden weist Vorwürfe zurück

DERNBACH. Erneut haben ehemalige Heimkinder Vorwürfe gegen den Orden Arme Dienstmägde Jesu Christi (ADJC) in Dernbach (Westerwaldkreis) erhoben: Sie seien vor mehr als 40 Jahren in einem Kinderheim des Ordens schwer misshandelt worden. Vor dem Mutterhaus der auch als Dernbacher Schwestern bekannten Kongregation demonstrierte am Samstag eine kleine Gruppe ehemaliger Schutzbefohlener aus dem Kinderheim St. Josef Eschweiler, das bis 1992 unter der Leitung des Ordens stand. Dort sollen nach Angaben von Hermine Schneider (50), der Sprecherin der Gruppe, mehr als 60 Heimkinder in der Zeit von 1956 bis 1971 "erheblich, systematisch und zum Teil über Jahre hinweg geschlagen und gequält" worden sein. Schneider, von 1956 bis 1970 in Eschweiler, bei der Demo: "Ich wurde sogar sexuell missbraucht."

Die Provinzoberin des Ordens, Schwester M. Salesiana Bach, weist die Vorwürfe zurück: "Es war kein systematischer Vorgang, nicht unsere Erziehungsmethode." Seit 2001 zieht Hermine Schneider öffentlich gegen den Orden zu Felde. Aufgrund einer Empfehlung der Hilfsorganisation "Weißer Ring" haben zahlreiche angebliche Opfer beim Versorgungsamt Aachen einen Antrag auf Entschädigungshilfe nach dem Opferentschädigungsgesetz gestellt. Daraufhin erhob die Staatsanwaltschaft Aachen Ende 2006 gegen elf ehemalige Heimkinder, darunter auch Hermine Schneider, Anklage wegen versuchten Betruges. Der Vorwurf: Die Angeklagten hätten wahrheitswidrige Angaben über ihren Heimaufenthalt gemacht. Wie die Provinzoberin bestätigt, habe Hermine Schneider bei einem Anruf 2003 zu ihr gesagt: "Wir werden gegen das Heim schießen und nicht aufhören, bis Geld fließt."

Per Rechtsanwalt forderte der Orden im Februar dieses Jahres Hermine Schneider auf, eine Unterlassungserklärung und den Widerruf ihrer angeblich unwahren Behauptungen abzugeben. Schneider: "Es konnte auch nicht durchgesetzt werden." Inzwischen hat auch eine politische Diskussion um die ehemaligen Heimkinder eingesetzt. Die Grünen fordern bereits eine neue Bundesstiftung, die Entschädigungen zahlt und Hilfe leistet. (kf)